
Pluramon feat. Julia Hummer
28.05.08 - Lido / Berlin
Konzert-Bericht: Jan & Andreas T.
Foto: Pressefoto
„Hallo Berlin. Wie geht’s dir?“
Mit diesen wenig originellen Worten eröffnet eine, wie sich im Laufe des Konzertes zeigen wird, auch wenig originelle Julia Hummer den Support für Apparat. ‚Julia Hummer? Julia Hummer? Ach so, die Tante aus der schrecklichen GEZ-Werbung, die mit Kleinmädchenstimme und Löffel im Mund die Zuschauer belehrt.’ Nun denn, hier steht sie also, mit Nachthemd, Mia Wallace-Gedächtnisfrisur und einer Gitarre, die so hoch geschnallt ist, dass sie sich selbst fast erwürgt. Flankiert wird Frau Hummer von zwei Musikern, die sich als Marcus Schmickler von Pluramon und Mathias Mauersberger entpuppen. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben sie im Hintergrund. Es darf in die Saiten gegriffen oder der Gesang unterstützt werden. Hin und wieder wird auch der Sampler angeschmissen. Julia Hummer singt sich währenddessen in Trance, tanzt Regentänze und umarmt in Gedanken das Publikum. Viel mehr passiert dann auch nicht auf der Bühne. Die Musik mäandert zwischen Lo-Fi, Noise, Shoegazing und irgend etwas Anderem, was ich nicht zuordnen kann, mir jedoch garantiert nicht gefällt. Dank meiner natürlichen Konzentrationsschwäche wird mir schnell langweilig und ich wende mich anderen Dingen zu. Dem anwesenden Restmenschentum, zum Beispiel. Meine Lethargie ist augenblicklich verflogen und ich unterhalte mich die nächsten 45 Minuten aufs köstlichste. Frisuren, Angeberschals, Röhrenjeans und Achtziger-Panties über schwarzen Strumpfhöschen besitzen eben doch ein höheres Reizpotential, als eine weitere singende Jungschauspielerin. (Gedankennotiz: ...wenn ich König von Deutschland wär!...) Irgendwann ist der Spuk dann auch vorbei und unsere Protagonistin bedankt sich artig für das Interesse und wünscht uns einen „aparten Abend mit Apparat.“ Mein Magen will, doch darf nicht.
Und dann betritt die Band endlich die Bühne. Na gut, Band ist relativ - man denkt sich einen großen Haufen Menschen mit Instrumenten. Dem ist jedoch nicht so. Drei Musiker. Sascha Ring, Raz Ohara und Drummer Jörg Wähner. Diverse Gitarren, Keyboards, Sampler, Effektgeräte, Schlagzeug. Abwechselnder Gesang und Gitarrensoli. Da kann man nicht so berauschend performen, aber Apparat versucht zumindest ansatzweise die Rampensau. Schöner Auftritt im schmal geschnittenen Anzug. Und der Mann ist irre dünn. Raz Ohara ist mir bis dato visuell nicht präsent. So kommt es, dass ich seine auf Platte recht prätentiöse Stimme in den ersten beiden Gesangsstücken nicht erkenne. Irgendwann ist er dann da, der catchy Moment und es klingelt. Apparats Stimme hingegen ist ebenso filigran und wiedererkennbar wie auf CD. Okay, bricht live mal weg, aber trotzdem schön. Hier geht es um Gefühl, nicht um Perfektion. Da das Lido dann zum Hauptakt ordentlich gestopft ist - der Rest verteilt sich während der transzendierenden Julia Hummer auf diverse Tresen - wird es ordentlich warm. Da muss sich Apparat nach „Headup“ erst mal flott aus seinem Jackett schälen. Und während er die eine und andere Gitarre malträtiert, schlottern auch seine Hosenträger. Stagediving auf eine subtilere Art eben. Dem kann Raz Ohara nur mit dem Abwurf seines weißen Mitte-Stylomaten-Schals etwas entgegensetzen.
Sascha Ring alias Apparat sagt ja, sein letztes Album "Walls" könne und sollte nur live mit Band gespielt werden. Recht hat er und so ist es äußerst verblüffend, wie sehr viel mehr Energie durch pointierte, dennoch minimale Effekte aus den einzelnen Tracks gezogen werden kann. Da reicht ein Gitarrenriff, ein zerschredderter Sound oder eine in die Länge gezogene Soundfläche. Letztlich ist das finale Druckmittel das Schlagzeug. Auch wenn es streckenweise einfältig erscheint. Wirkung hat es. Bei dem grandiosen zwölfminütigen Monsterhit "Jet" von Apparat & Ellen Allien muss der Mann an den Stöcken dann doch pausieren. Raz Ohara und Apparat haben sichtlich Spaß und scheinen überrascht, ob des begeisterten Publikums. Leider verpassen sie die Gelegenheit, ein intimes Konzert zu ihren Gunsten zu drehen. Mit einer angefixten Masse lässt sich eben schwer das Tempo und die Stimmung in den nächsten Track katapultieren. Gerade, wenn auf zitternde Elektrobeats eine Ballade folgt. Man kann solche Tempobrüche mögen. Es braucht jedoch seine Zeit, um den nächsten Track zu fühlen. Der Zugabenblock fällt dann anfänglich mit Ohara solo recht übersichtlich aus und endet nach dem großartigen „Hailin’ From The Edge“ in voller Besetzung mit „Arcadia“, welches in Ermangelung weiterer vorbereiteter und geprobter Songs zum zweiten Mal an diesem Abend gespielt wird. Man ist schlicht und einfach nicht auf die Euphorie der Hauptstädter vorbereitet. Things to be frickled eben. Umso besser die Zwischentöne zu bemerken. Es gibt die Konzertgänger und das Rave-Publikum und wenn letzteres nicht gewesen wäre, würden alle anderen jetzt immer noch an ihrem Prosecco nuckeln und sich auf ihren VIP-Ausweis einen runterholen. Es ist immer noch ein großer Unterschied, Musik zu lieben oder eben einfach nur dabei zu sein. Und Apparat darf stolz auf sich und seine Fangemeinde sein, denn es hat irre Spaß gemacht.
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