
Bei einem Babyshambles-Konzert stellen sich der Reihe nach immer drei Fragen: Kommt ER? Wann kommt ER? In welchem Zustand kommt ER? ER ist natürlich Pete Doherty, nach allgemeiner Ansicht einzig wichtiges Mitglied der Babyshambles. Die Anderen? Ach, nur Statisten! Was den drei Mitmusikern Dohertys natürlich nicht gerecht wird. Aber zurück zu den Fragen, die gerade in Berlin nach den letzten Auftritten (2005: Konzert ganz abgesagt, 2006: Beginn mit mehrstündiger Verspätung) dem Publikum in der proppenvollen Columbiahalle auf den Nägeln brennen: ER wird kommen, es geht sogar pünktlich los, und ER wird für seine Verhältnisse in einem guten Zustand sein.
Da dies aber vorher noch keiner wissen kann, liegt die gespannte Erwartung des sehr gemischten Publikums - vom Indie-Mädchen bis zum angegrauten Frank-Zappa-Hörer ist alles vertreten - elektrisierend in der Luft. Als dann um kurz nach zehn Uhr das Licht ausgeht, brandet sofort erleichterter bis ungläubiger Jubel auf. Die Band betritt grußlos die Bühne, ER ist mit ein bisschen vielen Ketten behängt. Eröffnet wird mit „Carry On Up The Morning“ und „Delivery“, dem Ablauf von „Shotters Nation“ folgend. Hier wird gleich klar, in welche Richtung es gehen soll. Die Effektgeräte bleiben die meiste Zeit ausgeschaltet, an das Tempo der Songs auf Platte wird sich nicht immer gehalten, und das Timing für die Gesangseinsätze ist auch nicht so wichtig. So kommt einem das Konzert manchmal wie eine rohe Jam-Session vor. Nach dem Eröffnungs-Doppelschlag, weicht die Anspannung bei den Zuschauern einer gewissen Ungläubigkeit: Kann das sein, dass ich IHN jetzt wirklich sehe? Der Vergötterungsgrad ist zu diesem Zeitpunkt fast mit den Händen zu greifen, selbst wenn die Band ab jetzt nur noch Paul Anka-Songs spielen würde, gäbe es wohl kein Murren zu vernehmen. Erst bei „Unstookie Titled“ löst sich die Spannung ein wenig und man ist wieder auf einem normalen Rockkonzert. Doch SEIN Zustand lässt im Verlauf des Abends etwas nach, ER setzt sich öfters auf das Schlagzeug-Podest und torkelt etwas. Doch noch die Auswirkungen irgendwelcher Substanzen oder ist ER schon so in seiner Rolle gefangen, dass ER glaubt, irgendwelche kranken Gaffer-Erwartungen erfüllen zu müssen? Man weiß es nicht. Vor dem letzten Song des regulären Sets leert ER noch eine Bierflasche über den vorderen Reihen aus und bindet einen auf die Bühne geworfenen Union Jack an seinen Mikrofonständer. Dann kommt „Killamangiro“, einer der besten Songs der Babyshambles, mit der so passenden Songzeile: „Why would you pay, to see me in a cage?“ Als Zugabe darf zuerst Gitarrist Patrick Walden alleine einen Song vortragen, bei dem er das Publikum zum Mitsingen animiert, bevor zum Abschluss das alles hinwegfegende „Fuck Forever“ folgt. Dann geht ER von der Bühne und alle anderen erschlagen nachhause. Davon IHN gesehen zu haben, aber auch davon, ein gutes, rohes, unskandalöses Konzert gesehen zu haben.
Ach so, Vorband waren übrigens die Kilians. Waren gut.
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